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... aber nicht beschäftigt genug, um nicht auch noch ganz kurz die Zeit dafür zu finden, cellini zu beneiden. ;)

"Die Fremde", schreibt einer der wenigen Menschen, die derzeit Einlass erhalten in meine Muschel, vielleicht weil er sosehr M e n s c h ist, ich ihn sosehr als Menschen empfinde wie derzeit kaum einen Mann sonst, vielleicht weil er etwas von dem Gleichgesinnten an sich hat, von dem Kristeva schreibt ...

"Die Fremde, der Fremde", schreibt er, "kommt sich selbst näher in der Berührung, die ein Blick sein kann oder Buch oder ein Touch me Haut-an-Haut, June , Tucholsky hat in einem Gedicht dem Ausdruck verliehen. Es ist zwar melancholisch und doch schwingt bei mir da eine wenig Hoffnung mit."

Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? vielleicht dein Lebensglück...
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang, die
dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast's gefunden,
nur für Sekunden...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück...
Vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Er sieht hinüber
und zieht vorüber ...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Frei von Bindungen zu den Seinen, fühlt sich der Fremde "vollkommen frei". In ihrer Absolutheit trägt diese Freiheit freilich den Namen Einsamkeit. Ohne Nutzen oder Begrenzung, ist sie äußerster Verdruss oder äußerste Verfügbarkeit. So wie der Zustand der Schwerelosigkeit bei den Astronauten, zerstört die einsame Freiheit - ohne andere - die Muskeln, die Knochen und das Blut.
Frei verfügbar, von allem befreit, hat der Fremde nichts und ist nichts.
Aber er ist befreit für das Absolute, wenn denn ein Absolutes ihn erwählen könnte.
"Einsamkeit" ist vielleicht das einzige Wort, das keine Bedeutung hat. Ohne anderes und anderen, ohne Bezug, erträgt sie die Differenz nicht, die allein Bedeutung schafft.
Niemand kennt die Leidenschaft der Einsamkeit besser als der Fremde: Im Glauben sie gewählt zu haben, um zu genießen, oder sie eingegangen zu sein, um daran zu leiden, verkümmert er plötzlich in einer Leidenschaft der Gleichgültigkeit, die manchmal zwar berauschend, unwiderruflich ohne Gleichgesinnte bleibt.
Darin liegt sein Paradox: Der Fremde will allein sein, aber mit Gleichgesinnten, nur ist kein Gleichgesinnter bereit, sich mit ihm an dem gleißenden Ort seines Alleinseins zusammen zutun. Die einzigen Komplizen wären die Mitglieder einer Gemeinschaft, deren Gleichförmigkeit und Einfachheit ihn abstoßen, während ihn andererseits das Fehlen gleichgesinnter erlesener Geister unwiderruflich auf die eigene Verlassenheit verweist.

Aus: Julia Kristeva "Fremde sind wir uns selbst".

.....
Schnitt
....

man könnte den chat als eine art hades betrachten, in den ein orpheus hinabsteigt, um nach seiner eurydike zu suchen, nur dass ihm von anfang an bewusst ist, dass es nur eurydike look-a-likes sind ... [diadorim]

Nein, ich bin nicht frei, aber zumindest HABE ich frei, mir frei(heit) genommen - und das allein ist schon ein gutes Gefühl.

Andersrum gedacht, denke ich, weil sich bei mir Gedanken immer eine ganze Weile im Kopf einen Tanzsaal einrichten und Feste feiern, bevor sie wieder in ihren Winkel verschwinden - also andersrum gedacht:
Vielleicht wäre es leichter, wäre Sexismus wirklich genetisch bedingt, vielleicht wäre es bequemer wie damals noch Oma (allerdings nur eine meiner Großmütter) tatsächlich fest daran glauben zu können, dass Männer halt "so" sind.
In diesem "so" schwang je nach Kontext Resignation mit oder Amüsement, manchmal auch Befriedigung oder Spott, niemals jedoch Zorn oder Auflehnung.
Oma hatte zur Kenntnis genommen: SO funktionieren Männer, so wurden sie von der Natur (oder vom Herrgott) gebaut und "da kann man halt nichts machen".

Ich stelle mir vor, ich könnte in einer omaartigen Intensität glauben, es wäre ein Naturgesetz, dass Männer zum Beispiel solange sie um eine Frau werben, Respekt, Einfühlsamkeit, echtes Interesse vortäuschen, so wie Pfaue ein Rad schlagen, ganz ohne bewusste Täuschung, ohne Arglist, gezwungenermaßen einem Programm folgend und ebenso unvermeidlich nach erfolgter Eroberung das Interesse schwindet, vor allem an der Person, an der Persönlichkeit, an den Gedanken der Eroberten und einem "Nicht-für-voll-nehmen" weicht.
Noch besser wäre es natürlich, wäre das auch in meinem Programm so verankert, dass es keine Irritation hervorrufen würde, erst recht keine Enttäuschung, keine Verletzung, keinen Schmerz, keine Trauer, keine Wut - vor allem keine Fragen.

"Ist halt so. Da kann man nichts machen."

Vielleicht ist das einzige Problem mit diesem genetischen Programm das, dass da wer wirklich gepfuscht hat. Das läuft so ganz und gar nicht smooth. Ein Systemabsturz nach dem nächsten.

Für die VertreterInnen des Intelligent Design unter uns müsste ich jetzt die These in den Raum stellen, dass Gott besser auf das Update warten hätte sollen, bevor er die Maschine in Gang setzte (weiterführende These: Gott hat zumindest Bill Gates tatsächlich nach seinem Ebenbild geschaffen).

Und auch von der Evolution war es ziemlicher Pfusch Wesen durchkommen zu lassen, bei denen zwar zweifelhaft ist, ob sie überhaupt über so etwas wie einen freien Willen verfügen, die sich aber dennoch mit ihrem angeborenen Programm nicht anfreunden können und ständig Unmengen an Energie im Infight mit selbigem vergeuden.

Na gut, manchmal schafft es der eine Teil der Menschheit leichter, sich damit zu arrangieren, dann wieder der andere. Traditionell ist der Teil meist bockiger dem anzugehören ich die Ehre habe.

Es wäre jedenfalls eine ruhigere Welt (auch Omas Welt war - vom Krieg mal abgesehen - eine sehr ruhige) und sollte Wahnsinn wirklich in gewisser Weise etwas damit zu tun haben:
Wahnsinn ist die Verzweiflung darüber,
dass die Welt nicht anders ist.
Wahnsinn ist das Wissen darum,
dass die Welt auch anders existiert.


könnten wir den Großteil der Seelenklemptner auch in Frühpension schicken.
(Das Zitat stammt von einer namenlosen Frau, deren Geschichte soweit sie bekannt ist bei Eva-Maria Knapp in "WAHN und SINN" nachgelesen werden kann.)

PS: Irgendwo unterwegs hab ich in letzter Zeit meine Libido verloren. Sollte jemand eine irgendwo rumliegen sehen wäre es nett, er würde sie bei mir abgeben.